König Bruno, der Fragwürdige

Nicht alle von euch wissen, dass ich vor ein paar hundert Jahren schon einmal gelebt habe. Damals herrschte noch „König Bruno, der Fragwürdige“. Ich war sein Hofmusikant und spielte die altgermanische Wurfzither. Ein sehr praktisches Instrument, mit dem man einerseits Musik machen, andererseits durch gezielten Wurf aber auch Tiere erlegen konnte. Die zweite Eigenschaft habe ich bei meinem damaligen Konzerten etwas abgewandelt verwendet. Wenn ich den Eindruck hatte, dass jemand im Publikum nicht richtig konzentriert zuhörte gab es einen gezielten Wurf in die Richtung. Ein bisschen lästig waren die dadurch eintretenden Pausen, weil ich das Instrument ja erst wiederholen musste und die entsprechende Person von meinem persönlichen Assistenten an einem Bein gepackt aus dem Saal geschleift wurde. 

Mich nannte der König deswegen „King Lui auf dem Marktplatz”. Weil ich mich seiner Meinung nach durch solches Vorgehen bei den Konzerten und auch sonst öfters so aufführte, als wäre ich eigentlich der König. Das konnte sich außer mir damals niemand am Hof erlauben, und es zeigt, wie sehr der König mich bzw. meine Kompositionen schätzte. 

Allsonntäglich hatte ich ein neues musikalisches Werk abzuliefern, welches dann vor einem ausgesuchten Kreis von Damen aus der Bevölkerung aufgeführt wurde. Zum Rekrutieren dieses Kreises schwärmte an jedem Samstag ein speziell ausgebildeter Mitarbeiterstab aus. Dieser bestand aus Männern und Frauen und sie alle gehörten zum engsten Kreis des Königs. Auf den Märkten der Region hielten sie Ausschau nach Damen, welche einen gewissen Charme versprühten, Individualität ausstrahlten, sowie gern auch sonst irgendwie eigenartig schienen. 

Natürlich wurmte es die Damen der Aristokratie enorm, dass sie nicht zu diesen Konzerten eingeladen wurden. Indes hatten diese Damen allerdings meist nicht die soeben erwähnten vom König so geschätzten Charakterzüge. Zudem sagten manche, der König wolle mit seinem Vorgehen eine gewisse Volksnähe herstellen und dem stumpfen Volk auch etwas Kultur nahebringen. Andere wiederum behaupteten, der König käme selbst aus dem unteren Volk und wäre gar nicht der rechtmäßige Thronfolger. Er sei also gar nicht der Sohn seines Vorgängers „König Peter, der ganz Kleine“ und würde deshalb „König Bruno, der Fragwürdige“ genannt. 

Ein paar von seinen „buckligen Kumpels“, wie der König diejenigen Männer nannte, welche er als seine Freunde einschätzte, durften ebenfalls den Konzerten beiwohnen. Diese Männer hatten meist enorme Fähigkeiten. Einer, von Haus aus eigentlich Trompeter, konnte zum Beispiel unglaublich laut rülpsen und gleichzeitig ebenso laut furzen. Über die Jahre hatte er diese Fähigkeit als eine Art Hobby ausgearbeitet. Angesichts der brachialen Lautstärke konnte man mitunter gar nicht unterscheiden, was was war. Während dies bei den Männern für Lachsalven und Respekt sorgte schauten sich die anwesenden Damen meist doch recht pikiert an. Eine hat sich sogar mal spontan übergeben. Seitdem durfte der Trompeter sein Hobby zu seinem Bedauern nicht mehr vorführen. 

Eines Tages bat mich der König zum diskreten Gespräch und fragte mich, was ich denn von ihm sowohl als Mensch aber insbesondere auch als König halten würde. Es ging darum, das es ja die Bevölkerung war, welche ihm den Titel “König Bruno, der Fragwürdige” gegeben hatte. Ich entgegnete: „Nun, .....“ Mir war sonnenklar, dass die gerade stattfindende Formulierungspause nicht besonders lang ausfallen durfte. Der König hatte erst kürzlich ein Krokodilbecken einrichten lassen. In dieses ließ er künftig unliebsam gewordene Mitarbeiter kurzerhand hineinwerfen. König Bruno mochte mich zwar sehr, aber bei ihm wusste man auch nie genau, wo der Hammer gerade lang schwang und wen er treffen würde. Erst kürzlich hat sie sich ein Diener des Hofstabes ein Gähnen verkniffen, während der König eine Anprache hielt. Dies mitbekommend lies ihn der König wegführen und kurze Zeit später färbte sich das Wasser im Krokodilbecken rot. Die Tiere bekamen kein anderweitiges Futter, insofern war ein zügiges Ableben garantiert. 

König Bruno‘s Blick ruhte abwartend auf mir. Er sah meine feuchte Stirn und ich bemerkte, wie mir Schweißtropfen den Rücken runterliefen während ich fortfuhr: „... ich komponiere Euer Impertinenz eine wunderbare Musik und die Töne und der Titel sagen alles über Euer Hochwohlgeboren!“ Dazu muss man unbedingt wissen, dass König Bruno keine Fremdwörter kannte und auch kein Englisch konnte. Beides würde er allerdings niemals zugeben und er tat immer so, als hätte er alles verstanden. Der König schürzte also die Lippen, richtete seine seine Augen wie kurz nachdenkend nach oben rechts und links und sagte: „King Lui, du alter Tonwühler, immer im Reich der Töne, was? Mache er sich an die Arbeit!“ Uff, gerade noch mal die Kurve gekriegt. Das Leben am Hofe war bisweilen nicht ohne Tücken. 
Den Sonntag drauf erklang dann diese Musik:
https://mariostresow.com/single/20938/you-are-what-you-are

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